Wochenendrebellen: Die Nordkurve veränderte alles

Ihre Erlebnisse hat Mirco von Juterczenka 2017 in dem Buch „Wir Wochenendrebellen“ erzählt, aus dem er mit seinem inzwischen 14-jährigen Sohn kürzlich im Schalke Museum vorlas. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Reise. Jason hasst Zufälle, Veränderungen und Berührungen. Er nimmt das meiste wörtlich und baut nur vorsichtig Beziehungen zu Menschen auf. Seinen Lieblingsverein sucht er sich nach logischen Kriterien aus. Deshalb muss er alle Clubs gesehen haben, bevor er sich entscheiden kann. So hat er es mit seinem Vater vereinbart.

Im Interview mit dem Schalker Kreisel sprechen Jason und Mirco von Juterczenka über eine Sucht, die beim S04 begann, Selbsthass und menschliche Sitzklos am Millerntor.

Jason, du standest 2013 beim 2:1 gegen Fortuna Düsseldorf in der Nordkurve der VELTINS-Arena. Wie hat es dir gefallen?
Jason: Vermutlich besser, als es Papsi damals noch lieb war. Schließlich war Schalke sein Versuch, das Projekt in seiner Frühphase durch den Ausflug in ein sehr volles Stadion zu beenden. Da ich aber einen recht luftigen Platz gefunden habe, konnte ich den Besuch genießen. Anschließend war ich noch begeisterter von der Suche nach einem Lieblingsverein.

Beim Lied „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ hast du dich aber hingesetzt.
Jason: Natürlich, weil ich in keinem Kontext Schalker bin. Ich komme nicht aus Gelsenkirchen-Schalke, habe nie dort gewohnt und hatte mich zu diesem Zeitpunkt auf keinen Verein festgelegt. Daher durfte ich nicht stehen, sondern musste sitzen.

Dein Lieblingsverein muss alle Bedingungen einer Kriterienliste erfüllen. Woran ist der S04 gescheitert?
Jason: Am Kreis vor Anpfiff, bei dem sich alle Spieler anfassen, und am Maskottchen. Beides mag ich nicht.

Was steht noch auf der Liste?
Jason: Die Fanszene sollte politisch sympathisch sein, der Verein umweltfreundlich. Es dürfen also beispielsweise keine Plastikbecher herumfliegen. Und das Stadion muss mit dem Zug zu erreichen sein und sollte irgendein skurriles Detail aufweisen – wie die Anzeigetafel aus Holz beim 1. FC Union Berlin oder die einklappbaren Flutlichtmasten beim SV Babelsberg 03.

Wer war bislang am dichtesten dran?
Jason: Werder Bremen, St. Pauli und der Berliner Amateurverein SV Lichtenberg 47, bei denen jeweils nur ein Kriterium nicht passte.

Welches Stadion möchtest du unbedingt noch einmal sehen?
Jason: Auf jeden Fall das von Tatran Cierny Balog in der Slowakei, in dem eine Dampflok zwischen Tribüne und Spielfeld fährt.

Mirco, Sie schrieben, Sie seien nach dem Besuch auf Schalke „süchtig nach dem Anblick meines faszinierten Sohnes“ gewesen. Was hat ihn so berührt?
Mirco: Ich war bis zum Beginn unseres Projekts kein großer Stadiongänger. Mir erschloss sich nicht, warum ich ein Fußballspiel nicht gemütlich im Fernsehen schauen, sondern stattdessen viel Geld für einen schlechten Blick sowie das ganze An- und Abreisegedöns ausgeben sollte. Also besuchten wir zuvor einige Partien, die für mich eher das Ziel hatten, möglichst glimpflich aus dem gegebenen Versprechen herauszukommen. So richtig Bock hatte ich nicht, ständig zu Paarungen zu fahren, bei denen ich vielleicht nicht einmal ein Team sympathisch finde. Doch die Nordkurve veränderte alles. Diese emotionale Wucht haben wir erstmals auf Schalke in einer für mich völlig unbekannten Intensität gespürt.

Jason pocht auf Ihr Versprechen, so lange mit ihm zu suchen, bis er seinen Lieblingsverein gefunden hat. Haben Sie diese Worte jemals bereut?
Mirco: Nein, nicht eine Sekunde. Man muss das auch ein wenig relativieren. Über die Anzahl an Spielen, die wir im Jahr sehen, können viele Fans nur müde lächeln. Aber wenn du beim Duell VfR Aalen gegen den SV Sandhausen in der Dreckskälte stehst, denkst du durchaus mal: Was mache ich hier eigentlich? Im Rückblick klingt das alles sehr amüsant, in dem Moment empfinde ich allerdings so etwas wie leichten Hass auf mich (lacht).

Was war das das bislang schönste Erlebnis?
Jason: Ich fand unseren Doppelspieltag beim SC Freiburg und FC St. Pauli sehr speziell. Nicht nur, weil die entsprechende Strecke in der vorgegebenen Zeit nur mit dem Nachtzug zu absolvieren war, sondern auch, weil Papsi in Freiburg mit insgesamt acht Bechern Bier beschüttet wurde, dann mit der stinkenden Jacke in der Bahn schlafen und anschließend am Millerntor an der Pinkelrinne mit seinem Körper ein Sitzklo bauen musste, weil ich keine Stehtoiletten benutze. Der Urin der halben Kurve klebte an ihm. Bis heute denke ich gerne daran zurück.

Wo traten die größten Probleme auf?
Mirco: Uiuiui, dünnes Eis (lacht). Bei einem Verein in der Nähe von Lüdenscheid – wie Schalker sagen würden – bestand Jason darauf, das Spiel von einer bekanntermaßen recht gut besetzten Tribüne im Stadionsüden zu betrachten. Das war hinsichtlich Nähe und Enge für ihn nicht auszuhalten, was dazu führte, dass er um sich trat. Die Ordner lösten die Situation zum Glück sehr kulant, Jason durfte als einziger Besucher im eigentlich freien Sicherheitsbereich stehen.
Jason: Das vorhin erwähnte Erlebnis auf St. Pauli war für mich genauso wenig heikel wie der Besuch in Dortmund, wo die Südtribüne aus meiner Perspektive einfach der beste Platz war, um Fußball zu schauen. Ein echtes Problem gab es im Stadion eigentlich noch nie. Zumindest nicht für mich.

Mirco, wie hat sich Ihr Verhältnis zu Jason verändert?
Mirco: Ich habe gelernt, ihm aufmerksam zuzuhören und ihn vor allem ernst zu nehmen; seine im ersten Moment manchmal ungewöhnlich wirkenden Aussagen zu hinterfragen, um dann erstaunt festzustellen, dass ich wieder etwas gelernt habe. Zudem versuche ich, ihm Raum zu geben. Die Anfänge unserer Beziehung waren vielleicht doch unterbewusst davon geprägt, ihn gesellschaftlich zu konditionieren, ihn anzupassen.

Ihrem Sohn sind Regeln sehr wichtig. Wie läuft es beim Fußball ab?
Mirco: Da kann uns nichts mehr überraschen. Jason besteht auf Routineabläufe – und da sind Stadionbesuche sehr verlässlich gegliedert. Wenn uns dann ein Fan unerwartet vor die Füße kotzt oder mir Schläge androht, hat mein Sohn mittlerweile die Sicherheit, dass er das eher amüsant findet.

Jason, zu Beginn der Fußballreisen wolltest du wissen, wie es sich anfühlt, Fan von etwas zu sein. Hast du heute eine Ahnung?
Jason: Ich glaube, ich bin mittlerweile eher Fan von der Suche nach einem Lieblingsverein. Und wenn ich Papsi als Anhänger von Fortuna Düsseldorf sehe, weiß ich gar nicht, ob ich mir das jede Woche antun möchte. Trotzdem kann ich mir noch immer nicht exakt vorstellen, wie sich das Fansein anfühlt.

Wird die Suche nach dem Lieblingsverein irgendwann enden?
Mirco: Nein.
Jason: Das kann man nicht mit hundertprozentiger Gewissheit sagen.

Wochenendrebellen

Seit 2012 erzählen Mirco und Jason von Juterczenka in ihrem Internetblog von der Suche nach einem Lieblingsverein. 2017 gewinnen sie den Grimme-Online-Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung. Im selben Jahr erscheint „Wir Wochenendrebellen“, das 2018 bei der Wahl zum Fußballbuch des Jahres der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur Platz sieben belegt. 2019 veröffentlicht Jason sein erstes eigenes Buch: „(T)raumschiff Erde“. Alle Erlöse ihrer Projekte fließen an die Neven Subotic Stiftung, die sich in Afrika für den Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen einsetzt. Mehr Infos gibt es auf wochenendrebell.de

Schalker Kreisel

Der Text ist ursprünglich im Schalker Kreisel #8 der aktuellen Saison erschienen.

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Source: © Feed by Schalke04.de

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